Tod III

Ich sitze hier gerade in der Tram nach Hause. Allein. Ich sitze ziemlich ungemütlich. Mein Po fühlt sich schrecklich an, so als ob er verspannt wäre. Ich will meinen Fuß auf die Leiste unter dem Fenster stellen, aber die Leiste ist höher als in den Tram-Wagen der anderen Bauart. Und sich dann so hinzusetzen ist ziemlich unangenehm. Ich stütze also meine Ellbogen auf meine Knie und lege meinen Kopf in meine Hände. Ich bin müde, und traurig. Ein weiterer Tag, den ich fast vollkommen in der Schule verbrachte. Ein weiterer Tag der hoffentlich bald zu Ende ist. Ich schaue auf die Uhr, während ich das tue stütze ich meinen Kopf nur an einer Hand auf. 17:30. Wieso mache ich immer so lange Sport? Ich Idiot hätte eigentlich schon vorher gehen können. Jetzt sitze ich hier ziemlich unangenehm auf einem Holzstuhl und mein Kopf liegt in meinen Händen. Meine Hände fangen an zu brennen. Ich lehne mich also zurück, stelle meinen Fuß doch auf die Leiste und lege meinen Kopf an die Glasscheibe. Mit einem Auge kann ich sehen wie die Straße unter den Rädern dahinrollt. Ratatatat. Ratatatat. Ich spüre jede Bodenwelle, jede Ungleichmäßigkeit des Bodens.

Ich merke wie es langsam dunkler wird. Die Sonne läßt ihre Strahlen die Erde nur noch streifen. Eine schöne Farbgebung. Dieses blau über mir, das zum Horizont auf der einen Seite immer dunkler wird, auf der anderen Seite ein fließender Übergang zu orange. Die helle Seite ist die an der die Sonne untergeht. Sie verschwindet hinterm Horizont als wäre sie nie da gewesen, und als würde sie nie wieder kommen.

Die Tram kommt zum stehen. Endstation. Ich muß in den Bus umsteigen. Wenigstens sind hier die Sitze gepolstert. Und wie ich so an die Fensterscheibe gelehnt den Mittleren Ring befahre sehe ich, wie sich über der Isar langsam Nebel bildet. Ich mag Nebel. Aber die Fahrt über die Isar ist zu kurz als das man ihn genießen könnte.

Nun muß ich in die U-Bahn umsteigen. Hier kann ich meinen Fuß zwar nicht auf eine Leiste stellen, aber ich kann mein Knie an dem Papierkorb anlehnen. Die U-Bahn ist ziemlich schnell, viel schneller als ein Bus, aber sie hat einen großen Nachteil. In ihr ist mir meistens langweilig. Das heißt, ich beginne mir Situationen auszumalen, die so sicher nie stattfinden werden. Oder doch? Meistens aber geht es darum mir auszudenken was ich IHR sagen soll, falls ich mal wieder mit ihr rede. Es ist nicht so, daß ich ihr aus dem Weg gehen, aber sie sagte mir mal, sie sehe mich als einen Freund von ihr an, und ich denke Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit, aber wenn immer nur ich sie anspreche hat das nicht sehr viel mit Freundschaft zu tun.

Vielleicht hat sie es nur gesagt um mich nicht zu kränken. Ich werde SIE wohl weiter ansprechen müssen, um mit ihr zu reden. Das sollte ich machen! Ich weiß aber ganz bestimmt, daß ich das nicht machen werde.

Die U-Bahn hält, ich muß aussteigen. Wie ich so nach Hause gehe sehe ich diesen schönen Himmel vor mir. Er wird immer dunkler. Es sind sogar schon einige Sterne zu sehen. Wie ich zu Hause ankomme, ist niemand da, ich finde aber einen Zettel vor, auf dem steht, daß meine Familie einen Freund besuchen gefahren ist. Schade das ich nicht mit konnte.

Ich esse kurz was und lege mich gleich ins Bett. Ich schließe meine Augen, ich will schlafen. Aber ich sehe nur weitere Situationen die nie vorkommen werden. Zum Beispiel, auf dem Schulhof, ich sitze mal wieder angelehnt an Herrn Schopkas Mercedes mit dem Kennzeichen M-ES irgendwas, und sie kommt vorbei und … Ich schrecke auf. Das würde sie sicher nie tun. Oder, ich sitze auf dem Fensterbrett im Gang und höre Walkman, Metallica. Sie kommt von hinten und erschreckt mich.

Langsam merke ich wie ich müde werde. Ich nehme einen Schluck Wasser aus der Flasche die neben meinem Bett steht. Ich sieche dahin, ich merke wie ich mich freier fühle. Meine Muskeln entspannen sich. Ich werde gleich einschlafen.

Ich träume. Ich träume davon wie ich morgens zwei aus meiner Klasse mit dem Auto abhole. Es ist angenehm mit dem Auto zu fahren. Wenn die Schule dann aus ist, muß man sich nur noch zum Auto bewegen und kann dann praktisch vor der Haustüre parken. Man muß seine ganzen Sport- und Schulsachen nicht rumtragen, sondern kann sie ablegen.

Als ich mit den beiden den Schulhof kreuze um zum Auto zu kommen, steht SIE dort und fragt ob sie mitfahren kann und ich sage … NEIN!

Ich schrecke aus meinem Traum auf. Wie kann ich sowas denken? Wie könnte ich nur nein sagen?!? Daß wäre nicht Dumm sondern auch schlicht und einfach Scheiße.

Ich versuche wieder einzuschlafen. Aber ich grüble darüber nach wie ich so etwas habe träumen können. Ich schau auf die Uhr. 02:30. Ich schließe meine Augen, ein stechender Schmerz zieht sich durch meinen ganzen Körper und endet im Herzen. Ich versuche meinen Augen offen zu halten, aber es geht nicht. Einschlafen werde ich solange nicht, wie ich über den Traum nachgrüble. Ich fasse einen Entschluß. Ich gehe zur Hausapotheke und nehme mir die Schlaftabletten. Ich weiß nicht, wieviele ich nehmen muß. Ich nehme die ganze Schachtel in die Hand und gehe wieder zurück in mein Bett. Ich will die Nachtleuchte anschalten. In diesem Moment geht die Lampe kaputt. Ich stehe auf und will das Zimmerlicht anschalten. Es sieht so aus als ob sie auch nicht geht. Ich schaue auf mein Radio und sehe das die Sicherung rausgeflogen ist. Nun liege ich also da, und weiß nicht wieviele Tabletten ich nehmen darf. Ich nehme zwei Tabletten und schlucke sie runter. Keine Wirkung. Ich nehme noch zwei. Keine Reaktion. Jetzt reicht es mir. Ich nehme fünf auf einmal. Sofort tritt eine Wirkung ein. Ich habe wohl zu viele genommen. Ich fühle mich total benommen. Ich fliege auf mein Bett.

Ich grüble wieder über den Traum nach. Wieso hab‘ ich nein gesagt? Vielleicht hab‘ nicht auf IHRE Frage geantwortet. Vielleicht … war es gar nicht so falsch zu viele Schlaftabletten zu nehmen…

Wenn das Tag für Tag so weitergehen würde, käme ich ohne Schlaftablette eh nie wieder zum schlafen, und meinen Eltern will ich es nicht sagen, sonst schicken sie mich wieder zum Psychiater.

Ich falle in tiefschlaf. Ich falle immer tiefer in die Unendlichkeit. Ich falle so schnell, daß ich denke ich könnte fliegen. Und während sich meine Gedanken von meinem Körper lösen, bemerke ich wie sich meine Mundwinkel anheben und ich ein kleines Lächeln zustande bringe, da ich jetzt weiß warum ich wegen diesem Traum aufgewacht bin.

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