Dschises

Also, ich erzähl‘ euch mal eine alte Geschichte. Sie soll im frommen Israel geschehen sein, aber so was kann man nie wissen. Da soll so ein alter Kaiser doch auf die dumme Idee gekommen sein, sein ganzes Volk zählen zu lassen. Und um das zu machen, sollte jeder in seine Heimatstadt kommen. Das heisst, nicht jeder sollte in seine Heimatstadt kommen, denn die Frauen, die schon verheiratet waren, sollten in die Stadt kommen, in der ihr Mann geboren wurde. Da es früher noch keine Autos, geschweige denn Autobahnen oder Züge gab, mussten die Leute ihre Sachen auf den Rücken packen und zu Fuß einige -zig Kilometer zurücklegen. Wie sie das geschafft haben, ist mir nicht ganz klar, aber in Erzählungen geht so was halt. Und da war doch tatsächlich ein Ehepaar, man glaubt es kaum, das nach Beatlham zogen musste. Yosev und seine Frau Maria. Man sagte, sie sei Jungfrau. Doch leider war es nun mal so, dass sie schwanger war. Wie konnte das passieren? Vielleicht ist Yosev, als er wieder einmal vom Weihrauch dicht war, einfach seinem Trieb nachgegangen und hat mit Maria „die natürlichste Sache der Welt“ gemacht. Es könnte auch sein, dass Maria einen Liebhaber hatte. Früher war es um einiges schlimmer als heute. Aber es steht geschrieben, „der heilige Geist“ ist über sie gekommen. Naja, es gehört schon einiges dazu, sich vorzustellen, wie Maria so in ihrem Bett liegt.

(Ein hartes Bett, denn früher gab es keine Matratzen. In ihrem Abendkleid. Weiss, durchschimmernd. Sie kuriert ihren Kater aus. Plötzlich wacht sie auf und über ihr schwebt eine weisse Silhouette. Und die… Nun, ich will nicht allzu genau werden.)

Also, Maria ist schwanger und geht mit einem fast ausgetragenen Kind so’n paar Kilometer. 110 km Luftlinie, bei 5 km/h 10 Std. am Tag dauert das also mindestens 2 Tage. Aber ich bezweifle, dass sie den Luftweg genommen haben, so fromm sie auch gewesen sein mögen.

Und dann kommen sie nahe Beatlham auf einen Stall zu, mit Schrittgeschwindigkeit. Die Frau ist natürlich gerade voll dabei, rumzuschreien. Sie hat die Wehen und geht trotzdem so’n paar Kilometer, jaja die gute alte Zeit. Früher war natürlich die Luft besser, is ja klar. Ausserdem war die Natur viel schöner.

Dann gingen sie, ohne vorher mit dem Bauern sprechen, in den Stall, nicht in das Haus der Familie Yosev’s. Man hätte sie wegen Hausfriedensbruch verklagen können, aber egal. Sie zogen wohl natürliche Verhältnisse vor. So richtig schön, in Heuballen zu liegen, der Geruch von Kot zieht herüber, die Kerze ist kurz davor, den ganzen Stall abzufackeln. Der Esel und der Ochs streiten sich, mit Beispielen, darum, wer lauter schreien kann. Maria bekam ihr Kind und drückte dabei Yosevs Hand beinahe zu Matsch. Ochs und Esel sahen ein, dass die Frau gewonnen hatte. Sie hatte doch die bessere und lautere Stimme. Yosev nahm sein Kind und legte es, in Windeln gewickelt, in die Krippe. Die schöne Windel, jetzt ist sie voll Blut.

Drei Hirten, es können auch Weise gewesen sein, man weiss es nicht genau, aber das ist ja segal, ist ja sowieso das selbe. Verdienen nix und sind unabdingbar. Sie sahen, vom Geruch der Exkremente schon benebelt, einen Engel vom Himmel herabkommen. Es hätte auch eine Fackel sein können, die Hirten hätten es sowieso nicht mehr unterscheiden können. „Milch heor, bald Wassa“ sagte einer der drei. In der Bibel stand es ein bißchen anders, aber die Erzählung wurde wohl durch Mund-zu-Mund Weitergabe zu sehr verfälscht. Der eine sah am Horizont ein Licht, er war wohl übermüdet, und ging los. Die anderen beiden versuchten, ihn aufzuhalten, aber sie griffen immer daneben. Und so kam es, dass ihnen plötzlich ein Stall im Weg stand. Dort stolperten sie fast über eine Krippe. „Oh jemine, das Kind erstickt ja fast! Lasst aus der Windel wenigstens den Kopf herausschauen“, schrie einer. In diesem Moment wachte Yosev aus dem Koma auf: „Das ist die Idee. Wir nennen es Jemine.“ „Hey, da hab‘ ich doch wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.“ meldete sich Maria zum Wort. „Dschemiene hört sich zu weiblich an, wir nennen es besser

DSCHISES“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.