Das Rinnsal

Dieser leichte Fluß, der nicht stoppen will. Er sucht sich seinen Weg. Er ist frei. Er kann dort hingehen wohin er will. Nur die Schwerkraft zwingt ihn in Richtung Erde.

Aber das macht ihm nichts aus. Er nimmt sich die Zeit, zu überlegen, ob rechts oder links. Er bahnt sich seinen schweren Weg durch den Raum. Meist nimmt er den leichten, seltenst den schweren. Manchmal, nur manchmal nimmt er den falschen.

Aber das macht ihm nichts. Er trägt jedes Hindernis mit Fassung. Es sieht so aus, als genieße er seine Stetigkeit. Seine Unsterblichkeit. Seine Unendlichkeit. Vielleicht will er garnicht für immer währen. Vielleicht hofft er nur, ein Ende zu finden. Es kommt mir nicht so vor. Diese Bahn, die er beschreibt. Ein langer Weg von oben nach unten. Nach unten zu seiner Mutter Natur. Die ihn gezeugt hat. Die sich um ihn kümmert, daß er nicht versickert. Daß er sich nicht teilen muß. Sie kümmert sich darum, daß er auf dem rechten Weg bleibt.

Aber das macht ihm nichts. Er weiß, er muß sich nicht viel um sich selbst kümmern. Er genießt seine Stellung am Busen der Natur, der ihn ernährt, den er wegen seiner Sanftheit liebt. Aber seine Mutter kann sich nicht immer um ihn kümmern.

Aber das macht ihm nichts. Er weiß ja, jeder muß einmal sterben. Aber es ist zu früh für ihn. Vielleicht ist es ja schon sein Ende. Daß weiß nur seine Mutter. Aber manchmal, selten, erreicht er ein Hindernis.

Aber das macht ihm nichts. So wartet er auf Verstärkung von hinten. Diese füllt den Platz vor dem Hindernis, so daß nach einiger Zeit, dieses keines mehr ist. Und er sucht seinen Weg immer weiter. Langsam. Denn er ist zwar flüssig, aber nur dick.

Aber das macht ihm nichts. Denn trifft er auf eine Stufe, so teilt er sich. Seine Mutter hilft ihm nicht. Es löst sich ein Tropfen, von dem Flüßchen. Dieser fliegt durch die Luft, genießt den Flugwind, sammelt Energie. Dann kommt er auf dem Boden auf, und wartet auf Verstärkung, diesmal von oben.

Aber das macht ihm nichts. Er weiß ja, Verstärkung kommt. Ganz sicher. Und sobald Verstärkung angekommen ist, geht seine Suche nach dem Ende weiter, und weiter… und weiter. Aber es stellen sich ihm nicht andere Hindernisse in den Weg. Keine Bäume, keine Sträucher.

Aber das macht ihm nichts. Auch wenn er dadurch nicht mal Erfahrung bekommt. Die braucht er auf seinem auch Weg nicht. Manchmal, ganz selten trifft er auf einen seiner Artgenossen. Ein weiterer Strom, der ihm sehr ähnlich ist. Vielleicht hat er sich in der Nähe seiner Quelle doch geteilt. Er hat ja schon einen langen Weg hinter sich.

Aber das macht ihm nichts. Er hat ja immer noch genügend Druck von hinten, der ihn nach vorne, beziehungsweise nach unten drückt. So trifft er also auf einen weiteren Strom. Er verbündet sich mit ihm, auf daß sie gemeinsam stark sind. Stark? Stark für was? Stark gegen was? Oder wen?

Er ist rot mein Strom. Mein Flüßchen. Mein Rinnsal. Und er ist warm. Er hat Ähnlichkeit mit einem Lavastrom. Es ist aber keiner. Es ist eine andere Flüßigkeit, ihr kennt sie. Manche mögen sagen, sie sei süß, aber viele werden wohl sagen, sie sei salzig. Alle Lebewesen der Erde haben sie. Nur ist sie nicht bei allen rot.

Viele Menschen haben Angst vor ihr, dabei tut sie ihnen garnichts. Ich mag sie. Und sie gehört mir. Teilweise. Den ein Teil von ihr fließt gerade aus meinem linken Unterarm.

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