Erinnerung

Wie im Traum. Du stehst vor mir. Es sieht aus, als ob Du mir was sagen wolltest. Aber Du bleibst still! Still, ohne einen Mucks. Fast Bewegungslos. Reglos. So anders als sonst. So abwesend. Unwirklich. Nicht von dieser Welt. So weit entfernt, und doch nur einen Schritt vor mir entfernt. Am liebsten würde ich meinen Arm ausstrecken, Dich greifen. Dich zurückholen. Zurückholen in die Gegenwart.

Gegenwart? Zukunft? Vergangenheit? Nicht zeitlich. Einfach weg. Aber doch hier, hier in mir. Aber doch so unendlich fort. Unendlich? Nein, es ist gar nicht so lange her. 1 Minute? 2 Minuten? Ein Tag? Eine Woche? Ein Monat? Egal, ich erinnere mich nicht an das Wann, nur an das Wie. Reicht das? War es das? Es war schön. Aber auch irgendwie dumm. Es war einfach anders.

Anders? Anders als normal. Normal? Was ist normal? Oder, was ist NICHT normal? Was, was zum Teufel fehlt mir? Wieso kommst Du genau dann, wenn ich nicht will? Wieso kommst Du überhaupt? Wieso bleibst Du nicht fort? Aber irgendwie bist Du ja fort. Du bist weit entfernt, und doch so nah. Weiter weg als die Sterne, aber doch so nah, daß Du mir vorschwebst. Vor mir. Vor meiner Nase. Vor, meiner Nase? Nein, eigentlich vor meinen Augen, oder besser, IN meinen Augen. In meinen Gedanken.

„Ich fühl, o Mädchen, deinen Geist
Der Füll und Ordnung um mich Säuseln,(…)
Sogar den Sand unter deinen Füßen kräuseln. [läßt](…)
Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich.“

Meine Hütte, meine Gedanken. Mein Leid. Mein Leben. Das bist nur Du. Du, mein Gedanke. Mein Gedanke, den ich so gern hab‘. Mein Gedanke, den ich liebe. Der, den ich hasse. Der, der mich daran denken läßt, wie schön es ohne Dich wäre? Der Gedanke, den ich denke, wenn ich mich einsam fühle. Der mir zeigt, Du magst mich. Aber magst Du mich? Bist das wirklich Du an den ich denke? Vielleicht. Vielleicht? Sicher. Du bist die einzige in meine Gedanken. Du! Niemand sonst. Und trotzdem, wie kann ich mir sicher sein? Du bist viel zu weit entfernt.

Entfernt. Ferner als alles andere. Ferner als Du eigentlich bist. Es gibt kein Wort für diese ferne. Für diesen Status. Für… das. Aber trotzdem bist Du so nah. So… so… so wie Du bist.

Aber Du bist nicht so. Du bewegst Dich, meine Erinnerung nicht. Tut sie das wirklich nicht? Sie bewegt sich schon. Sie wird unwirklicher. Sie wird greifbarer. Unbegreifbar. Unbegreifbar greifbar.

Fassungslos steh ich da. Nur mit dir. Nur mit dir, mit dir in mir. Also eigentlich nur mit mir. Allein. Ohne dich. Aber mit einem Gedanken an dich. Nur einen? Nein. Nein, es sind mehrere. Mehr als du denkst. Mehr als ich weiß. Mehr als ich wissen will. Denn, dieser eine den ich gerade hab, dieser eine, einer von vielen, reicht um mich zu tragen. In eine anderes Land. In ein Land weit entfernt. Ein fernes Land, ohne Zeit, ohne dich. Ohne dich? Nein, du bist überall wo ich bin. Dort wo ich hinschaue. Dort wo du bist, bin ich nicht. Aber trotzdem seh‘ ich Dich. In jenem Land, so weit entfernt. Und doch so nah. Es ist nur ein Schritt dorthin. Ein entscheidender Schritt! Ein Schritt in eine Welt. Eine Welt, die nur ich kenne. Du kennst sie auch, aber anders. Dort. Dort ist es anders als für mich.

„Dort bist Du Mensch
Dort darfst Du sein!“

Nur dort bin ich Mensch? Nur dort bist du Mensch? Du? Bist Du eigentlich wirklich? Bist du echt? Bist du! Ich weiß es. Du bist keine Gedankenspielerei. Du bist in mir, und doch so weit fort. Du bist. Und du wirst immer sein. In mir, in dir, und in jedem Menschen den du kennst. Denn du bist der Gedanke den ich habe. Der Gedanke, den ich immer habe, wenn ich alleine bin. Und das bin ich oft. Immer dann, wenn ich an dich denke. Und das ist fast immer. Denn ich weiß jetzt, ich liebe dich. Und ich weiß eins ganz sicher:

„Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;“

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