Alleine

Alleine?

Ich gehe. Wohin? Ich gehe ohne Sinn. Der Weg ist das Ziel! Werde ich also irgendwo ankommen? Ich suche mir ein Ziel. Ich schaue in den Himmel. Ist dort mein Ziel? Ich trotte durch die Landschaft. Der Boden unter meinen Füßen zieht vorüber. Ein Stein folgt dem anderen. Die Schnürsenkel fliegen durch die Luft. Ich gehe, ohne Ziel. Ich finde keines.Ich schaue mich um. Menschen über Menschen. Gesichter in endloser Zahl. Einige sind zu zweit. Wohin sie wohl gehen? Haben sie ein Ziel? Ich glaube schon! Es sieht so aus. Aber sollte man nur nach dem Äußeren gehen? Ich setze mich auf eine Bank neben dem Bürgersteig.

Ich beobachte die Leute. Ältere Personen mit langen Mänteln, Spazierstock und Plastikbeuteln. Gehen sie zum Einkaufen? Oder nacht Hause? Sie selbst wissen es. Glaube ich. Angestellte, mit Handy und Aktenkoffer. Gehen sie ins Büro? Oder nach Hause? Zu einem Geschäftstermin? Zu einem Rendezvous? Werden sie erwartet? Jugendliche, mit Daunenjacke, Cappy und Freund/Freundin im Arm. Gehen sie aus oder nach Haus? Verstecken sie sich vor ihren Eltern? Suchen sie Arbeit? Ich sehe Polizisten. Die wissen sicher, wohin sie gehen! Jetzt bleiben sie stehen und schauen sich um. Wissen sie es vielleicht doch nicht? Taxis fahren vorbei. Wenigstens haben sie ein Ziel. Entweder der nächste Taxistand, oder das Ziel ihrer Fahrgäste? Dann ist es ja doch nicht des Taxifahrers Ziel. Der Linienbus. Er fährt von einer Station zur nächsten, er hat ein Ziel vor Augen. An der Endstation dreht er um und fährt die Strecke zurück. Endlos? Vielleicht nicht, ich schätze schon! Ich stehe wieder von meiner Bank auf.

Ich sehe in ein Café. Tische mit mehreren Stühlen. Meist sitzen Pärchen dort. Hand in Hand. Ich schaue mich um. Es wird langsam dunkel. Wohin soll ich nun gehen, hab ich ein Ziel?

Hektik ist um mich herum aufgekommen. Was ist passiert? Ich sehe in fröhliche Gesichter. Menschen begrüssen sich, umarmen sich. Küssen sich. Die Straße leert sich. Nun stehe ich hier, suche jemanden den ich kenne. Das ist mein Ziel, oder? Sehe ich jemanden? Ich stehe hier und sehe Leute vorbeischlendern. Arm in Arm. Viele schauen sich die Karten vor den Lokalen an. Ich merke wie mein Walkman leiser wird. Was ist los? Die Batterie ist leer und ich habe keine neue. Soll ich jemanden fragen, ob er/sie eine für mich hat? Ich schaue mich um, aber ich will diese allgemeine Zweisamkeit nicht stören.

Ich suche mir eine weitere Bank und setze mich darauf. Gelächter dringt an mein Ohr. Ich schaue mich um. Gerade geht eine Tür auf. Zwei Paare kommen heraus. Ein breites Grinsen und lautes Gelächter zeigen ihre Gesichter. Wo sind meine Bekannten? Bin wirklich so allein? Kennt mich denn niemand? Ich sehe nur unbekannte Gesichter. Zwei Besoffene lallen mich zu. Ich mache ihnen klar, daß ich mich gut fühle. Sie gehen. Was hab ich getan! Es geht mir doch gar nicht gut! Ich sehne mich nach Gesellschaft, aber alles, was ich bekomme, ist ein Lächeln. Nicht mal Hunde streunen herum. Ich höre Vögel zwitschern. Küken – Kinder. Wie kann man alleine Kinder kriegen? Und ich BIN allein. Hat mein Leben einen Sinn? Ich stehe wieder auf, gehe zur U-Bahn, mein Ziel: mein Zuhause. Werde ich dort ankommen? Ich steige die Rolltreppe hinab. Eine Stufe nach der anderen. Ich steige in einen U-Bahn-Waggon. Ich bin der einzige in diesem Abteil. Kurz vor der übernächsten Station fällt das Licht aus. Wie sehr sehne ich mich nach jemanden, den ich im Arm halten kann. Jemand, der sich an mich lehnt. Jemand, der mich braucht. So wie ich sie. Jemand, der meine Gedanken mit mir teilt. Die U-Bahn hält an der nächsten Station. Ich höre, wie eine Tür aufgeht. Wer mag das sein? Ein Pärchen? Jemand, den ich kenne? Ich schaue mich um. Die Türen schließen sich. Niemand da! Will man mich verarschen? Ich gebe mich wieder meinen Gedanken hin. Allein sein. Ist das gut? Ich sehe nichts Positives daran. Ich sehe aus dem Fenster. Ich sehe aus dem Fenster. Ich sehe eine Tunnelplatte neben der nächsten. Ich schaue wieder in das Abteil. Es sitzt jemand vor mir.

Ich wundere mich und schaue sie fragen an. Sie schaut zurück und sagt: „Ich hab meine Schuhe gebunden…“ – Ah, deswegen hab‘ ich sie nicht gesehen. „Du siehst traurig aus…“ sage ich. „Hmmmm. Das Leben ist hart und gemein.“ Sie schaut mich an: „Du siehst auch nicht gerade fröhlich aus.“ „Hmm. Hmmmm.“ Kann ich ihr vertrauen? Egal! „Ich fühle mich so einsam.“ Ich schaue zu Boden. „Du hast recht, das Leben ist hart und gemein.“ – Keine Antwort – Ich schaue auf. Niemand da. Ich frag, mich was das gerade war. Ein Gespenst? Meine Station, ich steige aus dem Wagen und trotte nach Hause. Und während ich so gehe, frage ich mich, wer oder was das war. Ich sperre meine Wohnungstür auf. Niemand da, alles dunkel. Ich finde einen Zettel: „Sind bei Freunden. Schlaf gut.“

Ich lege mich ins Bett. Grüble nach. Jetzt liege ich hier, allein! War ich vorhin auch allein? Wer war das vorhin? Leide ich unter Verfolgungswahn? Ich spüre, daß ich nicht alleine bin. Was könnte das sein? Werde ich verrückt? Erschaffe ich mir jetzt schon Traumbilder, nur um nicht mehr allein zu sein? So etwas soll es ja geben. Nein, das glaube ich nicht! So was mache ich nicht! Jetzt bin ich wieder allein. Alleine in meinem Bett. Wie schön kann es sein, zu zweit im Bett zu liegen? Aber ich liege hier und habe nur mich, mich und meine Gedanken.

Du hast’s erfasst!

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